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Stolpersteine für Familie Silbergleit (Papendiek 3)
Stolpersteine für Familie Silbergleit (Max und Lea )
Papendiek 3
verlegt am 07. Februar 2018
Lea Silbergleit (geboren Blum) wurde am 22. März 1883 in Polen geboren. Sie kam 1905 aus Meseritz nach Göttingen und eröffnete hier im Papendiek 29 eine kleine Papierwarenhandlung; wohnte allerdings zunächst eine Straße weiter in der Johannisstraße Nr. 76. Dort lernte sie vermutlich auch ihren Ehemann Max Silbergleit kennen.
Max Silbergleit wurde am 21. August 1878 in Warschau geboren. Auch er kam 1905 nach Göttingen und wohnte dort im selben Haus, wie Lea Silbergleit. Im darauffolgenden Jahr heirateten die beiden schließlich und im Juli 1906 übernahm er ihren Betrieb. Er war gelernter Taschenmacher und Portefeuillearbeiter und erweiterte den Betrieb daher noch um eine Lederwarenhandlung. Noch im gleichen Jahr zogen Max und Lea Silbergleit in den Papendiek Nr. 29, direkt über ihren Laden, wo sie bis 1909 wohnten.
Das Angebot der beiden kam bei der Kundschaft sehr gut an und vergrößerte sich daher mit den Jahren immer mehr; 1909 wurde es schließlich in die Nummer 3 verlegt. Hier im Erdgeschoss befand sich das Papierwarengeschäft; die Lederwarenhandlung mit dem höherwertigen Sortiment wurde im 1. Stock eingerichtet. Dort wurde nicht nur die gelieferte Ware verkauft, sondern auch Produkte aus eigener Herstellung. Die ,,Anfertigung feiner Lederwaren“ war ein spezielles Angebot von Max Silbergleit, mit dem er sich stark von der Konkurrenz abgehoben hat. Durch seine guten Verbindungen in der Lederbranche wurde sein Betrieb ein Vertragsgeschäft für ,,Offenbacher Lederwaren“, die er ab Mitte der 20er Jahre auch in seinem Laden verkaufte.
Über dem Geschäft, im zweiten und dritten Stock, befand sich die Privatwohnung der beiden, in der sie von 1909 bis (zu ihrer Deportation) 1942 wohnten. Im Jahre 1913 hat Max Silbergleit schließlich das komplette Haus gekauft, wodurch dann die Mietbelastung entfallen ist.
Wie viele Menschen damals waren auch die Silbergleits gutbürgerlich eingerichtet, hatten ein Theaterabonnement und machten jedes Jahr zusammen mit ihren Geschwistern Paul und Rosa Silbergleit eine Bäderreise. Die Wirtschaftskrise im Jahr 1929 belastet die Umsätze der beiden allerdings sehr. Sie überstehen die Krisenjahre nur durch ihr in den früheren Jahren erwirtschaftetes
Vermögen.
Durch den Göttinger SA-Aufmarsch (zwei Monate nach Hitlers Machtergreifung) am 28.März 1933 wurden viele jüdische Geschäfte schwer beschädigt. So auch das von Max und Lea Silbergleit; SA-Männer sind damals über die eingeschlagenen Schaufenster ins Ladenlokal eingedrungen und haben es ausgeplündert. Als Folge der antijüdischen Hetze ging der Umsatz in den folgenden Jahren auf fast die Hälfte zurück. Außerdem wurden sie sozial komplett isoliert und von der Gesellschaft ausgegrenzt.
Am 14. Juli 1933 trat das Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen in Kraft, wodurch auch die Silbergleits 1935 ihre deutsche Staatsbürgerschaft verlieren, die sie seit 1927 besaßen. Danach sinkt sein Betrieb bis zur Bedeutungslosigkeit herab. In der Reichspogromnacht vom 09. auf den 10. November 1938, in der in ganz Deutschland Gewaltmaßnahmen vom nationalsozialistischen Regime organisiert worden waren, wurde das Geschäft abermals beschädigt. In blindem Hass wurden das Geschäft und das Warenlager zerstört und die Privatwohnung der beiden mit Spitzhacken zerstört und geplündert. Am nächsten Tag wurden die noch verbliebenen Waren abtransportiert. Die zerstörten Fenster wurden vom Stadtbauamt zwar wieder repariert, allerdings mussten die Silbergleits die Kosten für die Instandsetzung übernehmen.
In Folge dieser Anschläge musste Max Silbergleit am 23. November 1938 sein Gewerbe abmelden. Die politische Situation ausnutzend übernahm der arische Konkurrent Kurt Sievert das Traditionsgeschäft der Familie Silbergleit. Ohne jegliche Entschädigung. Die beidem mussten nun mit ihrem restlichen Vermögen auskommen. Als ein halbes Jahr später das Geld knapp wurde, sahen sie sich genötigt ihr Haus zu verkaufen. Bis Oktober 1940 durften sie zur Miete weiterhin dort wohnen bleiben. Danach wurden die Zimmer im 2. Stock von dem neuen Eigentümer selbst genutzt, sodass den Silbergleits zum Schluss nur noch ein Zimmer mit Küche im 3. Stock zur Verfügung stand.
Am 26. März 1942 wurden die meisten noch verbliebenen Göttingen Juden deportiert. So auch Max und Lea Silbergleit. Zusammen mit ihren Geschwistern Paul und Rosa Silbergleit und vielen anderen Juden mussten sie sich auf dem Albani-Kirchhof versammeln, um dann vor aller Augen zum Bahnhof zu marschieren. Sie wurden zunächst in das Sammellager Hannover-Ahlem gebracht. Im Sommer wurde Lea nach Treblinka überstellt, ihr Mann folgte nur wenig später. Beide sterben noch vor ihren Geschwistern.
(Text: Prof. Dr. Peter Aufgebauer, 07.02.2018, Geschichtsverein für Göttingen und Umgebung)
