Seiteninhalt
Stolperstein für Else Kaufmann
Stolperstein für Else Kaufmann
Weender Landstraße 5b
verlegt am 10. Februar 2016
Else Kaufmann wurde am 26. Januar 1877 in Salzwedel als Tochter der Eheleute Marianne und Bernhard Beschütz geboren. Sie heiratete im Jahr 1900 den Göttinger Arzt und Sanitätsrat Julius Kaufmann.
Ihre Eltern starben in der Zeit des Ersten Weltkriegs in Göttingen. Die Kaufmanns hatten drei Kinder: Fritz, geboren 1901, war verheiratet mit Ilse Liebert. Er emigrierte 1934 nach Almelo in den Niederlande und starb dort 1952. Klara - genannt Thea -, geboren 1902, war verheiratet mit Arthur Götting. Die Eheleute bewohnten das elterliche Haus auch nach dem Krieg. Klara Götting starb 1972 in Göttingen. Hans, geboren 1911, war Medizinstudent und emigrierte 1936 nach Brasilien. Dort arbeitete in der von Deutschen gegründeten Kolonie „Roland“ (Rolandia) und später in Itapeva. Er starb im November 2006 in Sâo Paulo, Brasilien. Die beiden ersten Kinder von Else und Julius Kaufmann kamen in der Prinzenstraße 2 zur Welt, 1908 kaufte die Familie das Haus Weender Landstraße 5b, an dessen Stelle wir heute stehen. Dort wurde Hans geboren.
Anfang der 20er Jahre wohnte Elses Cousin Julius Philippson in Göttingen, der später im Internationalen Sozialistischen Kampfbund aktiv am Widerstand gegen die Diktatur beteiligt war und im August 1943 in Auschwitz starb. Elses Mann Julius nahm 1928 an der Gedenkfeier für Leonard Nelson teil, dem Gründer des Kampfbundes. Eine Nähe der Familie zum ISK ist daher nicht unwahrscheinlich. Zudem hatte die Familie Kontakt zu dem jüdischen Porträtisten und Landschaftsmaler Hermann Hirsch in Bremke, ebenfalls ein Verwandter, der Else 1922 großformatig porträtierte.
1935 starb Elses Ehemann Julius, der als praktischer Arzt bis zuletzt seine Praxis in Göttingen betrieb. Ihre Tochter Klara, die 1929 nach Eckernförde gegangen war, kam 1937 zusammen mit ihrem Mann wieder nach Göttingen zurück, um ihrer Mutter zur Seite zu stehen. Ein im August 1939 gestellter Antrag von Else Kaufmanns Onkel Robert Philippson aus Magdeburg zusammen mit seiner Frau Franziska zu ihr zu ziehen, wurde von der Stadt Göttingen mit der Begründung abgelehnt, dass man „grundsätzlich gegen den Zuzug auswärtiger Juden wäre”.
Ende der 30er Jahre wurde das Kaufmann'sche Haus zu einem sogenannten „Judenhaus“ umfunktioniert. Eine ganze Reihe von Juden aus Göttingen und Umgebung mussten dort einziehen, sodass ab 1941 neben Else Kaufmann und dem Ehepaar Götting noch weitere neun Personen das Haus Weender Landstraße 5b bewohnten.
Else Kaufmann wurde am 21. Juli 1942 zusammen mit den letzten in Göttingen verbliebenen Juden deportiert. Sie wurde in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt und traf dort ihre Schwester Clara Marcuse und deren Tochter Trudi. Darüber hinaus war auch ihr Großonkel, der Geografieprofessor Alfred Philippson, dorthin deportiert worden. Im November 1942 trafen zudem noch ihr bereits erwähnter Onkel Robert und seine Frau Franziska im Konzentrationslager ein. Beide starben noch vor ihr. Else Kaufmann starb in Theresienstadt am 12. August 1943 an Herzversagen.
(Text: Dr. Rainer Driever, 10. Februar 2016)
